”Die sciencentric AG leistet mit Webservatory® einen wesentlichen Beitrag zur Integration des neuen Teleskops in Meßstetten - Die resultierende Kooperation mit der Bundeswehr steht aber erst am Anfang und soll zukünftig ein Garant für mehr Unabhängigkeit und Resilienz zur Sicherstellung der Dauereinsatzaufgabe Weltraumnutzung werden. Mit unseren Partnern bei der Bundeswehr erhoffen wir uns zukünftige spannende Projekte, mit denen wir im SSA-Bereich neue wichtige Schritte gehen können und mit Webservatory® einen maßgeblichen Anteil an der Sicherung des Weltraums leisten.“ – Oliver Heuser (CEO)
Wir freuen uns sehr, in diesem Monat den Site Acceptance Test (SAT) für unser Großprojekt mit der Bundeswehr erfolgreich mit unseren Freunden und Partnern Baader Planetarium und der steep GmbH abgeschlossen zu haben. Hiermit wird das System nun in den Testbetrieb der Bundeswehr übergeben, um die Space Surveillance Fähigkeiten der Bundeswehr zukünftig zu erweitern.
Im Rahmen dieses Projektes konnten wir zusammen mit der Bundeswehr eine leistungsfähige Lösung zur Weltraumüberwachung schaffen, die nicht nur höchste Qualitäts- und Sicherheitsanforderungen erfüllt, sondern zugleich die Innovationskraft und Umsetzungskompetenz unseres Unternehmens unterstreicht.
Im Interview spricht unser CEO Oliver Heuser über die strategische Bedeutung des Projekts, besondere Herausforderungen während der Umsetzung und die Zusammenarbeit mit allen Beteiligten. Außerdem gibt er Einblicke in die technologischen Besonderheiten der SSA-Station und erläutert, welche Erkenntnisse das Unternehmen aus diesem Projekt für zukünftige Vorhaben mitnimmt.
Warum hat die Bundeswehr ein SSA-System in Meßstetten bekommen? Was hat die Installation der Teleskope in Meßstetten für Vorteile?
Deutschland hat sich entschieden, dass Fähigkeitsportfolio der Bundeswehr deutlich zu erhöhen - nicht zuletzt betrifft das auch die Dimension Weltraum. Der Integration eigener Sensoren wird hier ein hoher Stellenwert zugeschrieben, da Resilienz, Unabhängigkeit und eigene Schwerpunktsetzung direkt von diesen Systemen abhängig sind. Das SSA-System stellt somit den Startschuss seitens der Bundeswehr dar, um die zwingend notwendigen Fähigkeiten in der Weltraumüberwachung auszubauen. Für die Bundeswehr ist es die Erste von vielen weiteren geplanten Stationen. Ziel ist es, mit der Installation weiterer Geräte ein globales Netz an Stationen zu besitzen und wir als sciencentric AG freuen uns Teil davon zu sein.
Meßstetten als innerdeutscher Standort bietet zudem eine geringe Lichtverschmutzung, eine hohe topographische Lage, viele klare Nächte, eine stabile Atmosphäre („Seeing“) sowie eine geringe Siedlungsdichte. Diese Eigenschaften machen es zu einem guten Standort für passiv-optische Beobachtungen.
Wie ist diese Installation für Deutschland generell zu bewerten?
Das Teleskopsystem in Meßstetten ist das erste seiner Art. Deutschland baut mit diesem System seine SSA-Fähigkeiten aus. Viele andere Staaten konsumieren in der Regel SSA-Daten, betreiben einzelne Sensoren oder sind von Partnern abhängig. Durch die Installation in Meßstetten bestreitet Deutschland einen anderen Weg, in dem es auf vollintegrierte Systeme mit hochspezialisierten und ganzheitlichen Fähigkeiten setzt. Ziel ist es die optischen SSA-Kapazitäten auszubauen. Dies wird im heutigen geopolitischen Umfeld als immer wichtiger verstanden, um damit auch eine erhöhte Konzentration auf die Erstellung eigener Objektkataloge und unabhängiger Bahnverifikation von Objekten zu etablieren. Dies führt letzten Endes zu einer geringeren Abhängigkeit von Drittstaaten und damit einer resilienten Space Security.
Wie leistungsfähig sind derartige Geräte überhaupt?
Es handelt sich hier um zwei Teleskope mit jeweils 1m Spiegeldurchmesser. Sie entsprechen also einer Größenklasse, die klar im professionellen Bereich zu verorten ist und von unserem Partner Baader Planetarium geliefert, konfektioniert, installiert und kalibriert wurden. Der Erfassungsbereich von Weltraumobjekten erstreckt sich hierbei sinnvoll bis zu einer Höhe von rund 40.000 km, in der sich z.B. auch GEO-Satelliten befinden. GEO-Satelliten sind in der Regel sehr lichtschwach und die Nachweisbarkeit derartiger Objekte hängt hier direkt vom Signal-zu-Rausch-Verhältnis ab. Bei den installierten Geräten sind Objektgrößen von 50 cm bis zu einer Höhe von 36.000 km und von 10 cm bei einer Höhe bis zu 2.000 km detektierbar.
Welche technologischen Besonderheiten oder Innovationen stecken in der SSA-Station?
Würde man die installierten Optiken allein bewerten, wäre dies noch kein echter Gamechanger. Die Systeme bieten sehr gute Grundvoraussetzungen für die Generierung hochwertiger Ergebnisse, das Alles steht und fällt jedoch mit der Integration der Systeme und den Nachgeschalteten Analyse-Schritten, welche die Rohdaten in präzise Tracking Ergebnisse verwandeln.
Genau hier greift unsere browserbasierte Webservatory® SSA Toolbox, die durch die Integration von Komponenten, wie autonomer Steuerung, Verfolgung von Satelliten oder Space Debris und KI-unterstützer Echtzeit-Detektion die Grundlage schafft, über die moderne SSA-Systeme definiert werden. Erst hierdurch wird ein solches System erst sinnvoll nutzbar.
Was sehen Sie in dem Aufbau für Vorteile für sich und die sciencentric® AG?
Die sciencentric® AG versteht sich als Spezialist in der Automation und Integration von hochkomplexen Systemen. Originär befassten wir uns mit klassischen astronomischen Steuerungssystemen und betreiben eigene Teleskopsysteme an zwei Standorten in Namibia und Chile, die eben über die gleiche browserbasierte Software-Suite betrieben werden können.
Seit nunmehr fünf Jahren erhalten wir vermehrt Anfragen aus dem SSA-Umfeld, so dass die Software-Suite hierzu entsprechend erweitert wurde. Das Alles läuft nun unter der Brand Webservatory® und ist als eine vollumfängliche Steuerungs- und Auswertungs-Software für Multisensorsysteme zu verstehen. Aufgrund der allgemein zunehmenden Sensitivität im Bereich der Space Situation Awareness verzeichnen wir jetzt schon deutlich höhere Anfragen, insbesondere aus dem europäischen Ausland. Wir gehen daher davon aus, auch in Zukunft vermehrt ähnliche Systeme in Sensornetzwerke zu integrieren und das Produktportfolio stetig zu erweitern. Hierbei spielt es im Übrigen keine Rolle mehr, ob es sich um Teleskopsysteme, Radare, Laser oder herstellerspezifische Spezialsensoriken handelt.
Welche Faktoren waren aus Ihrer Sicht entscheidend dafür, dass die Projektabnahme erfolgreich verlaufen ist?
Neben der Bereitstellung der notwendigen, vollumfänglichen Software-Suite und der vorhandenen Optiken ist natürlich unser herausragendes Team mit seinen spezifischen Kenntnissen und dem Willen, dieses Projekt zum Erfolg zu führen ganz besonders hervorzuheben. Ohne das würden derart komplexe Integrationen weit weniger erfolgreich verlaufen. Insbesondere, weil hier eine Gemengelage zwischen programmatischen Kenntnissen, wie auch exzellente Fachkenntnisse in Bereichen wie Satelliten-Tracking, hardwarenahe Programmierung, Bildverarbeitung, Entwicklung von KI-Modellen und Weiteren erforderlich sind, die in der Kombination seltener zu finden sind. Ein weiterer Schlüssel ist die gute und enge Zusammenarbeit mit dem Nutzer im Weltraumkommando der Bundeswehr (WRKdoBw). Es war somit möglich, das Produkt optimal an die Kundenbedürfnisse anzupassen und sukzessive Feedback hinsichtlich des Entwicklungsstands zu erhalten. Die gesamte Integration der Systeme in die Landschaft der Bundeswehr erfolgte auf Basis einer agilen Vorgehensweise.
Ein Projekt dieser Größenordnung gelingt nur in einem starken Konsortium. An dieser Stelle möchten wir die wesentlichen Partner hervorheben, ohne die der erfolgreiche Site Acceptance Test nicht möglich gewesen wäre:
Baader Planetarium zeichnete sich für die optische Hardware sowie den Kuppelbau verantwortlich — von der Lieferung der beiden 1m-Teleskope über Konfektionierung und Installation bis hin zur Kalibrierung. Die Erfahrung von Baader Planetarium im professionellen Teleskopbau bildet das physikalische Fundament auf dem Webservatory® aufsetzt.
Außerdem ist der steep GmbH zu danken, die als Generalunternehmer die Verantwortung für das Gesamtprojekt getragen und die komplexe Koordination zwischen Bundeswehr, technischen Gewerken und Zulieferern souverän steuerte. Diese Konstellation hat sich als tragfähiges Modell erwiesen, das wir auch für zukünftige SSA-Projekte als Blaupause ansehen.
Was sind die nächsten Schritte nach der erfolgreichen Abnahme?
Die gesamte Software-Suite wird stetig weiterentwickelt. Da Webservatory® eine Brücke zwischen Steuerung von Sensoren im Verbund, deren Automatisierung sowie nachfolgender Analyse schlägt, ist eine Übertragung auf weitere Sensoren und deren Integration nur die logische Schlussfolgerung. Webservatory® stellt hierbei nicht weniger als eine Multisensor-Suite bereit, in die weitere Sensoren aus dem vorgenannten Kontext integriert werden können. Neben dem Ziel der Anbindung weiterer Sensoriken ist die stetige Produktverbesserung in Zusammenarbeit mit dem jeweiligen Kunden ein maßgeblicher Aspekt unseres weiteren Handelns.
Wenn Sie die SSA-Station kurz beschreiben müssten – wie würde das lauten?
Die Bundeswehr bezeichnet das Projekt selbst als „erstes Projekt dieser Art in Deutschland“. Historisch stammen viele Weltraumlageinformationen aus den USA. Mit diesem System ist es nun möglich, eigene und unabhängige nationale Fähigkeiten aufzubauen und es entsteht der Grundstein für eine deutsche Weltraumlage SSA-Architektur.